Einleitung

Einen Großteil meiner Jugend und meines jungen Erwachsenenalters plagte ich mich in großer Unzufriedenheit. Ich war sehr oft unglücklich, fühlte mich verloren und ohne Perspektive und Sinn in meinem Leben. Meine vagen Träume schienen unerreichbar:

Um die Welt zu reisen, viele tolle Frauen kennenzulernen, viel Geld zu verdienen und ein tolles Leben zu leben. Ich scheiterte permanent an meinen eigenen Ansprüchen und Zielen, hatte keinen Antrieb und furchtbare Stimmungsschwankungen.

Im Nachhinein betrachtet, verstehe ich nun welche Gedanken- und Verhaltensmuster mich in meine große Unzufriedenheit gedrängt haben. Eine wesentliche fehlende Komponente: Dankbarkeit.

Statt mich auf die Dinge zu fokussieren, die ich hatte und über die ich glücklich sein konnte, fokussierte ich mich auf alles, was ich nicht hatte. Ich sah immer nur meine vermeintlich unerreichbaren Ziele, meine Fehler in meinem Verhalten und meiner Persönlichkeit und alles andere Negative. Hätte ich nur etwas meine Wahrnehmung verändert, hätte ich gesehen, dass es unzählige Dinge gab, über die ich mich hätte freuen können.

Was ist Dankbarkeit?

Dankbarkeit ist meines Erachtens nach genau das, was ich in dem vorherigen Absatz beschrieben habe: Das Korrigieren des Fokus.

Statt sich auf die Dinge zu fokussieren, die man nicht hat, fokussiert man sich auf die Dinge, die man hat.

Schafft man es, den Fokus in dieser Weise anzupassen, hechtet man nicht mehr permanent Dingen hinterher, die irgendwo in der Zukunft liegen. Und noch wichtiger: Man knüpft sein Glück nicht an Bedingungen. So wird man glücklicher und zufriedener.

All das ist jedoch leichter gesagt als getan.

Warum Dankbarkeit kein Selbstläufer ist

Das Problem an der Dankbarkeit ist vielschichtig: Häufig sind wir nur dankbar, wenn wir etwas außergewöhnliches erhalten. Jemand schenkt uns etwas oder ist besonders nett zu uns. In diesen Momenten verspüren wir Dankbarkeit und äußern diese im besten Fall. Das Problem an dieser Form der Dankbarkeit: Diese außergewöhnlichen Dinge kommen nicht allzu häufig vor. Und sobald diese häufiger vorkommen, sind sie nicht mehr außergewöhnlich. Wenn man einen Freund hat, der immer nett zu einem ist und immer für einen da ist, schätzt man das die ersten Male und ist dankbar. Je häufiger das jedoch passiert, desto eher wird daraus eine Selbstverständlichkeit – wir schätzen es nicht mehr sonderlich und sind nicht mehr dankbar. Das Portal zeitzuleben bringt es treffend auf den Punkt:
Gewöhnung und Alltag sind die natürlichen Feinde der Dankbarkeit. Denn alles, was du als gewohnt kennst, nimmst du irgendwann automatisch als selbstverständlich an.
Quelle: Zeitzuleben
Ein weiteres Problem an der Dankbarkeit ist, dass wir häufig erst realisieren, was wir haben, wenn es uns weggenommen wird. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Gesundheit. In unserem Alltag schätzen wir unsere Gesundheit selten. Wir nehmen sie als gegeben an und achten wenig auf uns. Sobald wir jedoch krank werden, realisieren wir, wie schmerzlich wir unsere Gesundheit vermissen. Und welch Luxus es eigentlich ist, gesund zu sein.

Wie ich lernte, die Dinge in meinem Leben zu schätzen

Das Leben schätzen

Gerade das Beispiel mit der Gesundheit zeigt meines Erachtens nach gut auf, dass es viele Dinge gibt, für die wir dankbar sein können. In diesem Sinne sollten wir auch unser Leben schätzen – und es nicht erst zu schätzen lernen, wenn es anfängt, sich dem Ende zu neigen. Denn in unserem Standardmodus schätzen wir die Dinge, die wir JETZT haben viel zu wenig. Wir leben unbekümmert von Tag zu Tag und lassen die Zeit verrinnen – dabei ist Zeit das wichtigste Gut, das wir besitzen.

Einen Schlüsselmoment diesbezüglich hatte ich vor einigen Wochen: ich sprach mit einem Freund über den Buddhismus. Er fragte mich, was es mit Meditation und Achtsamkeit genau auf sich habe und nach und nach kamen wir zu einem wesentlichen Punkt: Achtsamkeit bedeutet auch Wertschätzung. Wertschätzung für den aktuellen Augenblick mit allem, was dieser beinhaltet. Denn alles, was in einem Augenblick passiert, ist im nächsten bereits vergangen – bis wir an einen Punkt gelangen, an dem es keine neuen Augenblicke mehr gibt. Ich malte folgendes Szenario auf:

„Stell dir vor, man ist sehr alt und liegt auf dem Sterbebett. Und man überlegt sich: ‚FUCK! Wie gerne würde ich noch ein paar Schritte laufen können, ein paar Atemzüge an der frischen Luft nehmen, einen Baum sehen oder einen Vogel durch die Luft fliegen sehen?‘ Sollten wir nicht jetzt, wo wir Möglichkeit haben, all das zu erleben und zu genießen, diese Dinge wertschätzen?“

Die Dinge richtig wahrnehmen

Allzu oft nehmen wir all diese Dinge als gegeben an. Wir sehen in unserem Alltag – nehmen aber nicht richtig wahr. Dadurch, dass wir den Dingen Namen und Bezeichnungen geben, implizieren wir, dass wir die Dinge kennen und über ihnen stehen. Katsuki Sekida beschreibt dies in „Zen-Training“ treffend in folgenden Worten:

Die Lebendigkeit seiner Sinnesempfindungen und Stimmungen ist erstorben; an ihre Stelle ist eine abstrakte Denkweise in Begriffen getreten. Er ist zum intellektuellen Wesen geworden und hat den kostbaren Sinn und das Lebensgefühl der Kindheit in sich ertötet.

Quelle: Katsuki Sekida, Zen-Training

Wenn wir ehrlich zu uns sind: Wann haben wir das letzte Mal wirklich einen Baum in all seinen Feinheiten betrachtet, die Struktur seiner Rinde, die Blätter, die Äste? Lange Zeit hatte ich absolut keine Augen für derartiges: Ich huschte durch die Welt, verloren in Gedankenschleifen und Sorgen und immer nur daran denkend, was sein wird, sein könnte, meine Gedanken als nahezu alleinige Realität akzeptierend. Ist man in diesem Modus unterwegs, entgeht einem jedoch einiges: Nicht nur die Schönheit all dieser Sinnesempfindungen. Nein, es entgeht einem auch, wie toll es eigentlich ist, all das erleben zu dürfen.

Alle Dinge sind komplex

Denn dass bspw. ein Baum existiert, ist nicht selbstverständlich. Vielmehr kann ein Baum nur existieren, weil ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten vorhanden ist:

Der Baum braucht Wasser und Mineralstoffe, die er über den Boden aufnimmt. Er braucht Kohlendioxid und Sonne, um Kohlenhydrate zu erzeugen. Er braucht Stickstoff, dass er über Stockstoffbakterien im Boden aufnimmt. All die zuvor beschrieben Dinge, existieren jedoch auch nicht von sich heraus. Für das Wasser muss vorher Magma ausgegast sein, für die Mineralstoffe müssen vorher bspw. in Gesteinen vorhanden Mineralien verwittern und in den Boden gelangen und und und…

Dieses Abhängigkeitengeflecht jeglicher Existenz ist ein wesentlicher Kern im Buddhismus und wird u.a. wundervoll in dem Roman „Wie Siddhartha zum Buddha wurde“ beschrieben. Doch nicht nur von buddhistischer Seite wird dies umfassend beschrieben. Die Dokumentarreihe „One Strange Rock“ öffnete mir diesbezüglich vollends die Augen. In dieser Dokumentation werden Folge für Folge die Bedingungen beschrieben, die für unser Leben auf der Erde notwendig sind. Und mit jeder Folge wird klarer, was für unfassbare vielfältige Bedingungen notwendig sind, dass überhaupt etwas so komplexes wie Leben entstehen kann.

Wenn wir all das im Hinterkopf haben und uns ab und zu bewusst vor Augen führen, kann man gar nicht anders, als über all diese komplexen Erscheinungen zu staunen – und das Ergebnis dieser vielfältigen wechselseitig abhängigen Prozesse wertzuschätzen. Man ist letztlich Zeuge von wahren Wundern.

Dankbarkeit an jedem Tag

Die zuvor beschriebenen Erkenntnisse reiften in mir nach und nach – und führten dazu, dass ich mittlerweile nahezu jeden Tag eine unheimliche Dankbarkeit verspüre. Manchmal kommt diese Dankbarkeit automatisch, manchmal nutze ich wiederkehrende Situationen, um mich sanft an die Dankbarkeit zu erinnern.

Dankbarkeit beim Verlassen der Wohnung

Oft weht mir beim Verlassen der Wohnung direkt der Wind entgegen. Das ist für mich ein toller Moment und eine gute Erinnerung, dankbar zu sein. Der Wind ist häufig angenehm und erfrischend…. und ich bin dankbar, spüren und atmen zu können.

Dankbarkeit beim Essen

Das ist, finde ich, eine schöne Übung, die man gut in seinen Alltag einbauen kann. Bevor es ans große Fressen geht, versuche ich innezuhalten – und allem zu danken, was dafür verantwortlich sind, dass ich essen kann. Sei es der unermüdlich scheinenden Sonne, dem Boden und dem Wasser. Oder dem LKW-Fahrer, der die Nahrungsmittel in stundenlanger einsamer Fahrt von A nach B gebracht hat oder dem Verkäufer im Laden, der mir die Ware verkauft hat. Je nachdem, was in mir aufpoppt – denke ich kurz darüber nach und danke still, dass mir das Essen ermöglicht wird. In diesen Momenten denke ich auch an alle Menschen, die gerade hungern müssen und wünsche mir von Herzen, dass dieser Hunger weggehen möge und gelobe, alles dafür zu tun, dass diese Menschen zukünftig weniger leiden müssen.

Dankbarkeit vor der Meditation

Vor der Meditation verbeuge ich mich gerne und knie nieder – und bitte darum, dass ich Demut und Dankbarkeit für alles entwickle, was ich habe. Ich danke, dass es mir gut geht und halte kurz inne. Das mag erst einmal sonderbar anmuten – ist für mich aber ein festes Ritual geworden, das mich vor der Meditation erdet, achtsam macht und mir tatsächlich gut tut.

Dankbarkeit gegenüber meinem Körper

Manchmal denke ich:

Wow: Was ich meinem Körper manchmal zumute ist nicht ohne. Ich bin ständig auf Achse, ernähre mich nicht immer ausreichend, gönne ihm zu wenig Pausen und Schlaf – und doch gehorcht er blind, bleibt gesund und meldet sich nur bei größeren Problemen. Und all das, während er atmet, Blut durch den Kreislauf pumpt, die Körpertemperatur regelt und noch vieles mehr.

Danke!

Dankbarkeit in sozialen Situationen

Ob Freunden, die einem nur eine kleine Geste erweisen, einem zuhören und gute Ratschläge geben oder Fremden, die ggf. nur ihren Job machen (bspw. der Fahrer in einem Bus): all diesen Menschen gebührt meines Erachtens nach Dank. Und in der Mehrzahl der Fälle, freuen sich Menschen, wenn man diesen Dank ausdrückt.

Dankbarkeit für die kleinen Dinge

Abseits davon kann man in allen noch so kleinen Dingen Dankbarkeit entwickeln:

  • Gerade bin ich tatsächlich dankbar, einen Stuhl zu haben. Danke für denjenigen, der den Stuhl erfunden hat, ihn produziert hat und ihn in dieses Büro gestellt hat. Dem jetzigen Zustand (ich sitze bequem) sind so viele Dinge vorangegangen – ich kann mich wirklich glücklich schätzen!
  • Zuletzt ist mir nach einem langen Arbeitstag im Bus aufgefallen: Wow, genial, dass es mittlerweile so etwas wie Busse gibt. Ich hätte jetzt überhaupt keine Lust nach Hause zu laufen oder wie vor einigen Jahrzehnten noch üblich, mit dem Pferd zu reisen. Ist es nicht purer Luxus, dass ich in diesem Zeitalter geboren bin? Danke!

Dankbarkeit in unschönen Momenten

Auch nicht so schöne Momente kann man meines Erachtens nach gut für Dankbarkeit nutzen:

  • Wenn ich unglücklich bin oder mich ärgere, versuche ich mich daran zu erinnern, was ich objektiv alles habe. Und ich frage mich, was aktuell zu meinem Ärger führt. Oft realisiere ich dann, dass alles halb so wild ist und ich mich in so vielen Dingen wahnsinnig glücklich schätzen und dankbar sein kann.
  • Der Anblick von Leid in jeglicher Form ist ebenfalls eine gute Erinnerung, dankbar zu sein. Sehe ich einen Bettler auf der Straße, ergreift mich im ersten Moment Mitgefühl. Im zweiten Moment danke ich dafür, dass ich nicht auf der Straße leben muss und sich meine Lebensumstände nicht so ungünstig entwickelt haben, wie bei dem Bettler.

Warum Dankbarkeit Sinn ergibt

Einiges von dem zuvor Genannten mag übertrieben oder gar albern wirken. Dennoch tut Dankbarkeit gut: Man hält inne, ist langsam und bewusst. Und man nimmt sich selbst aus dem Mittelpunkt, was allgemein zu einer gesünderen Wahrnehmung führt. Denn häufig kreisen unsere Gedanken über negative Dinge, bspw. Sorgen oder Probleme. Mit Dankbarkeit lenken wir unseren Fokus von diesem Negativen weg und rücken das Positive (alles was wir haben und wofür wir dankbar sein können) in den Vordergrund.  Je häufiger man dies tut – desto besser. Denn Dankbarkeit lässt sich trainieren und kann sich mit der Zeit von sporadischen Glücksmomenten zu einem dauerhaften Zustand weiterentwickeln.

Auch wissenschaftlich ist Dankbarkeit mittlerweile gut erforscht. Folgende positive Auswirkungen werden mit Dankbarkeit in Verbindung gebracht:

  1. Dankbarkeit macht glücklich
  2. Dankbarkeit verbessert Beziehungen
  3. Dankbarkeit stärkt das Herz
  4. Dankbarkeit hilft gegen Schlafstörungen
  5. Dankbarkeit senkt Stress
  6. Dankbarkeit hilft gegen Depression

Quelle: Karrierebibel

All das sind meiner Meinung nach sehr gute Gründe, dankbar zu sein. Wie mit allem geht es jedoch nicht darum, immer und zu jeder Gelegenheit dankbar zu sein. Vielmehr geht es um einen ersten Schritt in die andere Richtung – ein kurzes Innehalten, ein Reflektieren über die Dinge, die man hat und einen kurzen wertschätzenden Moment. Das kann der Anfang von einem tiefgreifenden Wandel sein.