In meinem Artikel zur „Planbarkeit im Leben“ machte ich mir bereits Gedanken, inwieweit das Leben durchstrukturierbar und planbar ist. Oft setzte ich mir Ziele, die ich nicht erreichte und je stärker ich mich bemühte und auf Selbstdisziplin drängte, desto stärker war die Enttäuschung, wenn die Kraft und Disziplin dann doch nicht ausreichte. Die letztliche Einsicht des Artikels war, dass es manchmal gar nicht verkehrt ist, die Dinge auf sich beruhen zu lassen und sich nicht zwanghaft an seine Ziele zu klammern.  

Auch wenn ich diesen grundsätzlich nicht verkehrten Ansichten nicht widersprechen möchte, so möchte ich das Thema nun dennoch von einer anderen Perspektive beleuchten. Die letzten Tage habe ich mich wieder verstärkt mit dem Thema „Ziele setzen und erreichen“ beschäftigt und interessante Einsichten gewonnen, die ich gerne mit euch teilen möchte.


Ziele sind nur die halbe Wahrheit

Ziele zu setzen ist grundsätzlich eine sinnvolle Tätigkeit- alleine jedoch stellen sie selten eine selbsterfüllende Prophezeiung dar. Unabhängig von der Art des Ziels, drückt ein Ziel den Wunsch aus zu einem bestimmten Zeitpunkt den aktuellen Status in einen anderen Status zu verwandeln.

Bsp.: Ich nehme mir vor, zum 01.06.2019 5kg abgenommen zu haben.


Damit einhergehend ist eine Unzufriedenheit über den aktuellen Status und die implizite Erwartung, dass mit Erreichen des Zieles eine Zufriedenheit und ein Glücksgefühl erreicht werden. Was bei aller Zielsetzung jedoch häufig fehlt, ist ein konkretes Vorgehen. Oft genug setzte ich mir Ziele und ein relativ simples Vorgehen, nur um an diesen Zielen und dem Vorgehen zu zerbrechen. Um unser Beispiel von vorhin zu nehmen, wäre mein Vorgehen folgendes gewesen:

Ich gehe bis zum 01.06.2019 täglich für eine halbe Stunde joggen.

Zu oft kommt jedoch das Leben dazwischen und der Aufwand, das gesetzte Vorgehen beizubehalten gleicht einem unglaublichen Schmerz, den man vermeiden möchte. Und so schleicht sich der ein oder andere versäumte Tag ein, bis die Anzahl der Tage, an denen man sein Vorhaben nicht umsetzt, überhandnimmt.

Warum sind Ziele daher nur die halbe Wahrheit? Weil sie unabhängig von aller Spezifikation, Größe und Art immer auch auf den Menschen eingehen müssen, der sich diese setzt. In unserem Beispiel bin ich ein Mensch, der mit seinen aktuellen Handlungen ein Übergewicht von 5kg aufgebaut hat. Diese Handlungen hatten das Ergebnis (oder Ziel, auch wenn nicht als solches formuliert), dass sich jenes Übergewicht aufgebaut hat. Eine Änderung der Handlungen und der zugrundeliegenden Automatismen sind daher das Ziel, nicht eine unreflektierte Zielsetzung, die auf diese keine Rücksicht nimmt. Und hiermit werden wir schon beim eigentlichen Kern des Artikels: Automatismen und Gewohnheiten.


Automatismen und Gewohnheiten machen bis zu 50% aller Entscheidungen aus 1

Das schlichte Setzen eines Ziels ändert zunächst nichts an unseren Handlungen, die uns bisher zu unserem nicht zufriedenstellenden Status geführt haben. Vielmehr sind viele dieser Handlungen Automatismen, die wir nicht mehr bewusst wahrnehmen und damit auch nicht steuern können.

Joggen als Ziel
Joggen als Beispiel für ein Ziel

Bsp.: Ich möchte bis zum 01.06.2019. täglich eine halbe Stunde joggen gehen. Die Handlungen, die mich daran hindern, sind jedoch folgende:

  • Vor der Arbeit schlafe ich aus und habe keine Zeit eine andere Tätigkeit aufzunehmen
  • Nach der Arbeit fahre ich nach Hause und ziehe mir gemütliche Klamotten an, mache mir mein Abendessen und schalte den Fernseher an

Mein aktuelles Handlungsschema lässt keine neue Tätigkeit zu. Vor der Arbeit den Wecker früher zu stellen erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Nach der Arbeit ist der Moment, in dem ich mir die gemütlichen Klamotten anziehe, der Moment, in dem unbewusst die Entscheidung auf einen entspannten Fernsehabend gefallen ist. Oft nehme ich dabei noch Reize war: Ich sehe den Fernseher und das gemütliche Sofa. Die Schwelle zu Handeln und seine Ziele zu erreichen hat sich für diesen Moment nun erhöht und stellt für diesen und die folgenden Abende eine Herausforderung dar.

Die Umsetzung und letztlich das Erreichen der Ziele muss daher früher ansetzen: in der Anpassung aktueller Handlungsschemata. Da bereits die Anpassung des Handlungsschemas sehr viel Energie kostet, ist die sinnvolle Vorgehensweise, sich zunächst nur auf die Anpassung des Handlungsschemas zu fokussieren. In unserem Beispiel könnte dies folgendes bedeuten:

Nach der Arbeit fahre ich nach Hause und ziehe mir direkt meine Sportsklamotten an

Ohne daraufhin auch wirklich Joggen zu gehen, führt alleine die neue Handlung dafür, dass sich der Automatismus gebrochen ist- und sich ein neuer Automatismus bilden kann. Wichtig ist, dass genau dieser Automatismus geformt wird- durch tägliches Anziehen der Sportsklamotten wird zunehmend auch dem Unterbewussten Teil des Gehirns klar: Diese Tätigkeit ist wichtig und muss wiederholt werden. So senkt sich die Handlungsschwelle und nach einigen Wochen zieht man nicht nur seine Sportsklamotten an, sondern nimmt sich vor, 5min um den Häuserblock zu laufen. Und so lassen sich Handlungen auf Handlungen aufbauen und Ziele, die anfangs noch nicht wirklich realistisch oder umsetzbar scheinen, sind mittlerweile erreichbar.


Und wenn alles gut geht, ist ein Ziel plötzlich nicht mehr so unerreichbar, wie es immer war.


Anmerkung:
Das Thema Zielsetzung und Gewohnheiten sind sehr weitreichende Themen, zu der sich weiterführende Lektüre lohnt. Mein absoluter Lesetipp ist hierbei „Atomic Habits “ von James Clear. Bisher nur auf Englisch erhältlich, jedoch aufgrund seiner Praxisnähe, dem aktuellen wissenschaftlichen Stand und der einfachen Ausdrucksweise ein absolut empfehlenswertes Buch.
Die Grundlagen zu den hier beschriebenen Gewohnheiten sind aus diesem Buch entnommen.


Quellen:
1: https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/gewohnheiten/gewohnheiten-hirnforschung-100.html