Veranstalter

uhr_als_dauer

Dauer

10 Tage, alternativ auch
4 Tage

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Kosten

€1.345 (für 10 Tage)
€700   (für  4 Tage)

Level

ausdrücklich für Anfänger geeignet

Hinweis: Dieser Artikel ist ein Teil der Artikelserie: „Vipassana Retreat: Buddhayoga“

In dieser Serie stelle ich euch das Vipassana Retreat bei Buddhayoga aus zwei Perspektiven vor.

Im Übersichtsbeitrag geht es um einen schnellen Überblick über das Retreat und seine einzelnen Bestandteile:

Vipassana Retreat: Buddhayoga | Überblick (diese Seite)

In meinem persönlichen Erfahrungsbericht berichte ich euch von meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen während des Seminars:

Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil I
Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil II
Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil III

Einleitung

Die Teilnahme an einem Vipassana Seminar stand schon länger auf meiner Liste. 10 Tage lang durchgängig meditieren – das klang vielversprechend. Spätestens seit meinen Klosteraufenthalten war mir klar, dass die Abkehr vom Alltag und regelmäßigere, längere Meditationen für die Vertiefung der eigenen Meditationspraxis sehr sinnvoll sein können. (siehe auch: Klosteraufenthalte)

Bei welchem Vipassana Veranstalter also teilnehmen?

Neben dem klassischen und sehr prominenten Vipassana Anbieter „Dhamma“ bin ich eher zufällig auf Buddhayoga gestoßen. Die Beschreibung des Seminars gefiel mir: Es wurde mit Originaltexten gearbeitet, der Leiter des Seminars hat bei Thich Nhat Hanh persönlich gelernt und vielleicht war es gar nicht schlecht, Körperhaltungen ändern zu können, vor Seminarende wieder anfangen dürfen zu sprechen und eine persönliche Begleitung zu haben. (zunächst dachte ich erst: ‚ach komm, das ist ja Vipassana light.‘ im Nachhinein bin ich froh, diesen Gedanken nicht nachgegangen zu sein!)

Das einzige, wo ich etwas überlegen musste, war der Preis: 1.300€ sind schließlich kein Pappenstiel… andererseits zahlt man für 1-2 Wochen Urlaub gut und gerne ähnliche Preise; und hier wurde einem im besten Falle ja ein wirklicher Mehrwert geboten.

Also sprang ich über meinen Schatten und buchte das Seminar. Ein ziemlicher Glücksfall, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte…

Überblick

Der Vipassana Kurs bei Buddhayoga findet in einem Seminarhaus in Vallendar statt. Das Haus befindet sich auf einem Berg am Ende einer Straße – optimale Bedingungen also für die innere Einkehr.

Geleitet wird das Vipassana Retreat auf deutsch, Leiter des Retreats ist Adriaan van Wagensveld. Adriaan leitet seit über zehn Jahren durchgängig Vipassana Retreats, meditiert selbst seit über 30 Jahren und ist, wie eingangs erwähnt, bei Thich Nhat Hanh persönlich in der Lehre gewesen. Unterstützt wird Adriaan zumeist von seiner Frau Kati, die ebenfalls seit über zehn Jahren Vipassana praktiziert.

Das Retreat hat einen durchdachten Ablauf: Den Anfang bildet ein telefonisches Vorgespräch, das Wochen/Monate vor Beginn des eigentlichen Retreats mit jedem (potentiellen) Teilnehmer geführt wird. Am Abend der Ankunft folgt ein umfangreicher Einführungsvortrag zu Meditation und Vipassana. Und die weiteren Kurstage werden Schritt-für-Schritt die wesentlichen Inhalte der Vipassana Praxis durchgegangen.

Angereichert wird der Kurs durch eine exzellente Organisation, einer zielführenden Didaktik und den Vorzügen einer persönlichen Begleitung.

Im Folgenden soll auf die wesentlichen Aspekte des Retreats näher eingegangen werden.

Standort

Anschrift des Retreat-Haus:

Haus Tabor
Am Marienberg 5
56179 Vallendar
Deutschland

Organisation

Wie erwähnt ist die Organisation des Vipassana Kurs eines von vielen hervorzuhebenden Dingen.

Örtlichkeiten und Ausstattung

Zunächst zum Wichtigsten: Dem Meditationssaal. Über diesen kann man beim besten Willen nicht meckern… der Saal ist hell, modern und gut ausgestattet.

Auch bei der Meditationsausrüstung wird nicht gespart: Jeder Teilnehmer bekommt einen festen, großzügig bemessenen Platz und eine „Standardaussstattung“ mit Isomatte, Fellunterlage, Zabuton, zwei verschiedenen Meditationskissen und einer großen Baumwolldecke. Bei Bedarf gibt es in einem Lagerraum zusätzlich Stühle, spezielle Meditationsstühle (sehen wahnsinnig bequem aus…) und Meditationskissen en masse.

Im Esszimmer ist ebenfalls für genügend Freiraum und Privatsphäre gesorgt: Jeder Teilnehmer verfügt über einen separaten Esstisch, an dem er nicht nur seine Mahlzeiten einnimmt, sondern auch persönliche Dinge für seine Bedürfnisse lagern kann. (Becher, Thermoskanne, etc.)

Verpflegung

Die vegetarischen Mahlzeiten werden frisch zubereitet und sind abwechslungsreich, nahrhaft und (meiner Meinung nach) äußerst lecker. Mit einem standardmäßigen Angebot an Obst, Salat und Nüssen können die Mahlzeiten nach eigenem Wunsch „verfeinert“ werden.

An einem separaten Tisch stehen den Tag über zudem durchgängig kaltes und heißes Wasser bereit, inkl. einer Auswahl verschiedener Bio Teesorten.

Optimale Umgebung für die Meditation

Neben der guten Ausstattung und der Kulinarik ist das eigentliche Highlight der Organisation für mich jedoch die stringent zuende gedachte, optimale Umgebung für die fortwährende Achtsamkeit und innere Einkehr. Denn neben eigenen Bereichen (inkl. Unterbringung in Einzelzimmern, keine Selbstverständlichkeit bei Retreats!) und der Verpflegung ist vor allem auch das Miteinander vorab geregelt:

Das Retreat wird zum Großteil im Schweigen verbracht. Dabei soll nach Möglichkeit Augenkontakt vermieden werden, der Blick vor einen auf den Boden fallen und auf Höflichkeiten untereinander verzichtet werden (bspw. das gegenseitige Tür-Aufhalten). Genauso sind Ein- und Ausgänge und die Laufrichtungen in den verschiedenen Situationen exakt geregelt. Auch die „Pausenzeiten“ zahlen letztlich auf diese Umgebung ein: In diesen vorgegebenen Zeiten geht es darum, die eigenen Bedürfnisse zu erledigen (d.h. aufs Klo zu gehen o.ä.).

Der Sinn hinter all diesen Dingen: Platz im Kopf schaffen und die Notwendigkeit für Überlegungen und Entscheidungen reduzieren. In diesem Sinne betonte Adriaan immer wieder:

Für all deine Bedürfnisse ist gesorgt. Tun, was ansteht. Alles andere: unberührt lassen.

(so oder so ähnlich zumindest…)

Anleitung und Begleitung

Anknüpfend an den letzten Punkt „Optimale Umgebung für die Meditation“ ist die Anleitung und Begleitung durch das Programm und den Retreat-Alltag zu erwähnen. Die Lehrinhalte werden zunächst umfassend dargestellt und dann in Auszügen immer wieder wiederholt.

In der Meditationspraxis wird man dann nicht alleine gelassen, sondern gerade am Anfang immer wieder an die nun anstehende Übung erinnert: Ob durch ein sanftes, aber nachdrückliches „Atmung!“ oder „Zu- und Abneigung gegenüber der Welt unberührt lassen„. Diese sanfte Bestimmtheit zieht sich durch den gesamten Kurs und nimmt der Meditationspraxis den Druck, den sich viele häufig selbst machen. Dazu passend wiederholte Adriaan auch immer wieder:

Vor dir: ein unermesslicher Raum an Zeit.

(Subtext: Mach dir keinen Druck, wenn es gerade nicht klappt. Du hast genug Zeit, die Dinge zu üben) oder:

Ihr könnt nicht die ganze Zeit achtsam sein.

(Subtext: Wenn du mal nicht achtsam bist, mach dir deswegen keine Vorwürfe – es ist völlig normal, mal nicht achtsam zu sein. Kehre einfach immer wieder zu deinem Atem zurück.)

An dieser Stelle endet jedoch nicht die Begleitung durch den Kurs: Nach den ersten Tagen sucht Adriaan das Gespräch mit jedem einzelnen Teilnehmer. In diesen Gesprächen erkundigt sich Adriaan nach dem eigenen Befinden und dem Fortschritt und gibt Tipps für die Praxis. Im Verlauf des Retreats besteht die Möglichkeit nach weiteren Gesprächen; ebenso besteht die Möglichkeit zu jeder Zeit Fragen auf einem Zettel zu hinterlassen, die Adriaan dann in einem Einzelgespräch oder in der gemeinsamen Meditationsrunde beantwortet.

Tagesablauf

Nachdem ich nun ein paar Worte zu den Anleitungen in den Meditationssitzungen verloren habe, möchte ich kurz auf den Tagesablauf des Vipassana Retreats eingehen. Prinzipiell gilt für den gesamten Tag, dass dieser in vollkommener Achtsamkeit verbracht werden soll. In diesem Sinne könnte man eigentlich jeden Programmpunkt als „Meditation“ kennzeichnen.

Unabhängig davon habe ich die „offiziellen“ Meditationsprogrammpunkte in grau markiert, damit diese direkt erkenntlich sind.

Der Punkt „Beugen und Strecken der Glieder“ war mir vor der Teilnahme an dem Retreat ein Dorn im Auge. Ich fragte mich: ‚Warum soll ich auf einem Vipassana Retreat Gymnastik machen?‚ Vor Ort stellte sich dieser Punkt als äußerst nützlich in der Meditationspraxis heraus. Hierbei geht es um eine Bewegungsfolge von 3-4 verschiedenen Bewegungen, die man im Einklang mit der Atmung durchführt. Durch die Bewegung und die verschiedenen Körperhaltungen fällt es deutlich leichter seine Atmung und seinen Körper zu spüren. Diese Übungen müssen auch nicht zwei Stunden lang durchgezogen werden – stattdessen kann man auch „klassisch“ meditieren.

Zum Ende eines Programmpunktes hin stehen zudem immer sieben Minuten für persönliche Bedürfnisse zur Verfügung. An dieser Stelle betont Adriaan immer wieder, dass es sich hierbei nicht um „Pausen“ handelt und diese Zeiträume genauso achtsam wie die anderen Zeiten verbracht werden sollten.

06:00 – 07:00 Verweilen in Stille oder schlafen
07:00 – 09:00 Beugen und Strecken der Glieder
09:00 – 10:00 Essen, Zeit für pers. Bedürfnisse
10:00 – 11:00 Sitzen, Liegen, Stehen
11:00 – 12:00 Sitzen, Liegen, Stehen
12:00 – 13:00 Sitzen, Liegen, Stehen
13:00 – 14:00 Essen, Zeit für pers. Bedürfnisse
14:00 – 15:00 Gehen
15:00 – 16:00 Sitzen, Liegen, Stehen
16:00 – 18:00 Beugen und Strecken der Glieder
18:00 – 19:00 Essen, Zeit für pers. Bedürfnisse
19:00 – 20:00 Sitzen, Liegen, Stehen
20:00 – 21:00 Vortrag, danach schlafen. Oder:
21:00 – 22:00 Verweilen in Stille

Lehrinhalte

Nun zum vermeintlichen Kern des Kurses: Die Lehrinhalte. In dem umfangreichen Einführungsvortrag gleich am Abend der Ankunft werden die Grundlagen gelegt – in den darauffolgenden Tagen werden diese nach und nach vertieft. Basis des gesamten Retreats ist ein Vortrag von Buddha, das Satipatthāna Sutta. Dieser Vortrag ist wie eine Schritt-für-Schritt Anleitung für die Vipassana Praxis und wird entsprechend Schritt-Schritt im Retreat durchgegangen. (für die konkreten Inhalte des Einführungsvortrags und in Ansätzen des Satipatthāna Sutta, siehe meinen persönlichen Erfahrungsbericht)

Die Inhalte sind jedoch nur eine Seite der Medaille – die Vermittlung der Inhalte die andere. Neben der bereits erwähnten Anleitung und Begleitung möchte ich vor allem zwei Dinge positiv hervorheben: Zum einen arbeitet Adriaan mit einer Vielzahl an Metaphern und Bildern, die die vielleicht nicht immer leicht zugänglichen Lehrinhalte verständlich und eindrücklich machen. Zum anderen werden ebenso direkt Beispiele gegeben, um die Lehre direkt (auch im Alltag) anwenden zu können. Dazu ein, zwei Beispiele:

zu unserem normalen Seinszustand

Adriaan vergleicht unseren normalen Seinszustand u.a. mit einem Aufenthalt auf einer Kirmes. Es ist alles bunt, hektisch und in Bewegung. Ebenso sieht es häufig in unseren Gedankenwelten aus. Wir sind in der Kirmes unseres Kopfes gefangen.Wir sitzen auf einem Karussell und es dreht sich und dreht sich immer weiter im Kreis und um sich selbst. In genau diesem Sinne kreisen wir um Themen, die uns beschäftigen.

Der Preis für das Karussell in unserem Kopf: Unsere Aufmerksamkeit.

zum Umgang mit unserem Seinszustand

In einem Vortrag beschreibt Adriaan die Vipassanapraxis u.a. damit, dass man sich alles näher betrachtet, was als Reiz durch einen unserer Sinne wahrgenommen wird. Dazu bedient Adriaan u.a. das Bild einer Bühne. Die Bühne stellt unser Bewusstsein dar und auf dieser Bühne treten immer wieder die verschiedenen Reize auf. Diese können wir dann näher untersuchen.

In der Regel bleibt es auch nicht bei einem Reiz, sondern auf den Reiz folgt eine unmittelbare Reaktion. Diese Reaktionen sind als Geistesverunreinigungen im Satipatthāna Sutta beschrieben, auf die im Seminar näher eingegangen wird. 

Praktische Anwendungen der Lehre vermittelt Adriaan u.a. beim Thema Essen. Allzu häufig schlingen wir unser Essen unkontrolliert in uns hinein (auch ich mache das allzu gerne)… dabei kann Essen ein wirkliches Erlebnis sein. Während des Seminars gibt Adriaan daher an verschiedenen Tagen immer mal wieder neue Ansatzpunkte, wie man sein Essen achtsamer zu sich nehmen und neu wahrnehmen kann.

Persönliche Einschätzung

Falls es bisher noch nicht durchgedrungen sein sollte: Das Vipassana Retreat bei Buddhayoga hat es mir ganz schön angetan und ich kann das Seminar jedem Meditierenden nur wärmstens empfehlen.

Das Retreat ist in vielerlei Hinsicht wahnsinnig stimmig aufgebaut und man merkt, dass nicht nur gutgemeinte Überlegungen, sondern auch langjährige Erfahrungen in die Gestaltung des Retreats eingeflossen sind. Doch nicht nur der Rahmen und der Aufbau überzeugen – es ist gerade die persönliche Begleitung durch das Seminar, die  unglaublich wertvoll ist. Mit Adriaan wird das Seminar von einem sehr erfahrenen Meditierenden geleitet, der meines Erachtens nach ein ehrliches Interesse an der Vermittlung der Inhalte hat und in sanfter, manchmal auch humorvoller Art durch das Seminar zu führen weiß. Häufig kamen Erinnerungen an wichtige Seminarinhalte (i.d.R. ein sanftes „Atmung“) oder das Üben einer neuen Praxis zur rechten Zeit für mich (dem Feedback aus der gemeinsamen Runde am Schluss zu urteilen, war ich hier nicht der Einzige!). Adriaan erinnerte und wiederholte unermüdlich die Lehrinhalte und zum ersten Mal habe ich, glaube ich, wirklich verstanden, warum die Wiederholung ein wichtiges Lehrmittel Buddhas war: wird sanft, ohne Wertung und beharrlich wiederholt, kann man gar nicht anders, als zuzuhören, zu verstehen und sich die Dinge zu merken.

In diesem Sinne bin ich froh, auf Adriaan und sein Seminar gestoßen zu sein und hoffe, dass noch viele die Gelegenheit nutzen werden, Vipassana bei Buddhayoga zu lernen.

 

 

Wertung

(entgegen aller Weisheit in Fernost, das Urteilen zu lassen…)

P

durch und durch gut strukturiertes Retreat

P

gute Anleitung und Führung durch das Seminar

P

persönliche Einzelgespräche

P

schöne Räumlichkeiten und gute Verpflegung

P

umfassende Vorträge, Arbeit mit originären buddhistischen Texten

P

auch für Anfänger bestens geeignet

O

für manche Menschen ggf. etwas teuer

(in Bezug auf das Angebot seinen Preis aber wert!)