Hinweis: Dieser Artikel ist ein Teil der Artikelserie: „Vipassana Retreat: Buddhayoga“

In dieser Serie stelle ich euch das Vipassana Retreat bei Buddhayoga aus zwei Perspektiven vor.

Im Übersichtsbeitrag geht es um einen schnellen Überblick über das Retreat und seine einzelnen Bestandteile:

Vipassana Retreat: Buddhayoga | Überblick

In meinem persönlichen Erfahrungsbericht berichte ich euch von meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen während des Seminars:

Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil I
Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil II (diese Seite)
Vipassana Retreat: Buddhayoga – Meine Erfahrung Teil III

Wichtiger Hinweis:

In diesem Artikel werden relativ detailliert Inhalte und Programmpunkte aus dem Vipassana Retreat von Buddhayoga dargestellt. Je nach Situation von dir, lieber Besucher, kann es Sinn ergeben, diesen Beitrag bspw. erst nach Teilnahme an diesem oder einem ähnlichen Seminar zu lesen.
Hintergrund: Man tritt unvoreingenommen an das Seminar und das Thema heran.

Das vorneweg. Nun aber: Viel Spaß beim jetzt oder später Lesen (:

Tag 2

lupe_symbol In diesem
Abschnitt:

  • Aufbau eines kontinuierlichen Fokus: harte Arbeit
  • metaphorisches Feuermachen

Der Tag darauf war vom Aufstehen her immer noch etwas hart, aber nicht ganz so schlimm wie der erste. An diesem Tag ging es weiter um den Atem (Überraschung!). Wir sollten kontinuierlich daran arbeiten und langsam einen Bewusstseinsstrom aufbauen. Ich konnte meinen Fokus weiterhin gut auf den Atem bringen, das Thema Bewusstseinsstrom machte mir jedoch etwas zu schaffen. Ich konnte zwar meine Aufmerksamkeit gut auf den Atem lenken, aber nicht allzu lange halten. Und es war teilweise ganz schön mühsam. Teilweise spürte ich meinen Atem nur spärlich und arbeitete minutenlang daraufhin, diesem Atem kontinuierlich zu folgen bzw. einen kontinuierlichen Strom aufzubauen. Nur um daraufhin nach Minuten harter Arbeit zu merken, dass der Atem schon wieder weg war.

Ich kam mir vor wie in der Natur: Wie ich sorgsam und mühevoll aus trockenen Gräsern und Stroh den Ansatz eines kleinen Feuerchens aufbaue. Und wie dieses kleine Feuerchen dann im nächsten Moment, in dem ich einen dickeren Ast hätte reinlegen und das Feuer stabilisieren können, es von einem kräftigen Windstoß kompromisslos ausgeblasen wird. Dann wieder von vorne: Feuerchen mühevoll aufbauen, das dann direkt wieder ausgepustet wird.

So erging es mir mit meinem Atem. Wie gesagt: den Atem erspüren und paar Momente halten: Kein Problem. Den Fokus länger halten: knüppelhart und irgendwo frustrierend.

Aber ich war dennoch zufrieden und dachte mir:

‚Ach, du kannst schon froh sein, überhaupt so weit gekommen zu sein! Spürst du halt immer wieder deinen Atem, zwar nicht kontinuierlich, aber immer, immer wieder für Phasen.‘

Und ich dachte mir auch:

‚Die anderen sind bestimmt noch nicht so weit‘.

(ich weiß, wertend und vergleichend und absolut nicht sinnvoll… aber naja, es waren nun einmal Gedanken die präsent waren)

Insgesamt waren die Meditationssitzungen bei weitem auch nicht gleichförmig. Manche Meditationssitzungen waren ziemlich beschwerlich und es fiel mir dann doch schwer, den Atem überhaupt zu erspüren. Andere Sitzungen dagegen liefen ohne viel Anstrengung viel, viel besser.

Tag 3

lupe_symbol In diesem
Abschnitt:

  • Erste Erfahrung mit intensiver Körperwahrnehmung
  • Geführte Körpermeditation
  • Gespräch mit Adriaan
  • schöne Abendmeditation im Liegen

Nachdem ich am Tag zuvor morgens etwas müde und dösrig war, entschloss ich mich auf das Angebot des Kaffees zurückzugreifen. Und an diesem Tag hat es mir, glaube ich, auch ziemlich gut getan. Wir übten weiterhin das Gleiche. Wobei wir nun angewiesen wurden einen kontinuierlichen Bewusstseinsstrom aufzubauen und diesen auf unseren Körper zu erweitern. Erst auf alle Bereiche, die vom Atem betroffen sind, dann auf weitere Bereiche des Körpers. Das wollte mir nur sehr schwer gelingen. Es war nach wie vor anstrengend.

Dann aber geschah etwas interessantes. Ich kann nicht mehr sagen, ob im Rahmen einer geführten Meditation oder einfach so in der Meditation. Jedenfalls öffnete sich mir durch den Atem endlich mein Körper. Der Atem war wie der Schlüssel, der mir Eintritt zu meinem Körper verschaffte. Ich spürte zunächst, wie der Atem mich bzw. den Körper bewegte. Ich spürte meinen Körper daraufhin als ganze Silhouette und spürte, wie jeder Teil meines Körpers sich im Raum in einer bestimmten Position befand. Viel wichtiger jedoch war, dass ich in meinen Körper spürte in einer so intensiven Art wie ich es noch nie getan habe. 

Mein Körper lebte und empfand und das so intensiv wahrzunehmen war ein Erlebnis, das sich schwer beschreiben lässt. Ich spürte eine Wonne und eine unermessliche Freude meinen Körper in dieser Form erleben zu dürfen. Es war mir fast, als hätte sich das mein Körper schon die ganze Zeit gewünscht: Einmal die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm zusteht. Ich war sehr dankbar, dass sich mein Körper so zeigte… und im nächsten Moment mischte sich ein neues Gefühl in meine Stimmung: Traurigkeit. Traurigkeit darüber, dass ich meinen Körper und die damit verbunden Empfindungen so lange vernachlässigt habe. Mir kamen die Tränen. Keine verzweifelte Traurigkeit, sondern eine stille, bedauernde Traurigkeit. Ein tolles Erlebnis, das natürlich vorüberging… und natürlich (!) wieder von der Mühe des metaphorischen Feuermachens ersetzt wurde.

Und so mühte ich mich wieder ab und konnte nur sporadisch wirklich fortwährende Aufmerksamkeit aufbauen. Zu allem Überdruss gab es dann eine geführte Meditation (ich kann nicht sicher rekonstruieren, ob es davor schon eine gab, aber ich vermute schon). Jedenfalls ging es in dieser geführten Meditation darum, wieder fortwährende Aufmerksamkeit aufzubauen, um diese dann auf verschiedene Bereiche des Körpers zu lenken. Wir sollten unseren Haaransatz spüren und sensorisch entlangfahren mit Zuhilfenahme von einzelnen sensorischen Punkten, die wir uns an die entsprechenden Stellen legten. Sollten wir nichts spüren, konnten wir die Stellen ertasten und dann weitermachen. Und all das, während der Atem weiterhin den Grundton angab. Ganz ehrlich: ich kam nicht hinterher und war überfordert. Ich war erst beim Atem, bildete einen Strom aus, mit einem metaphorischen Auge beim Haaransatz und dann auf einmal wieder ganz woanders und musste von vorne anfangen. Und währenddessen lief die geführte Meditation weiter.

Ich fühlte mich überrumpelt und war mit wieder einem metaphorischen Auge sauer. Sauer auf Adriaan. Doch diese Wut färbte nicht mein ganzes System, sondern war da, etwas entfernt neben mir. Ich spürte sie, stieg aber nie voll ein und befolgte mit dem Rest der Aufmerksamkeit die Übung. Und siehe da… es ging voran… plötzlich war ich bei der Übung und mittendrin. Jetzt ging es darum, die Fingernägel zu spüren und ja…. Ich spürte meine Fingernägel. Nicht 100% klar, doch angenehm und deutlich genug. Ich war zufrieden und das was mich zuvor noch belastet hatte, hatte sich nun in einen Grund der Freude gewandelt.

persönliches Gespräch mit Adriaan

Später hatte ich mein persönliches Gespräch mit Adriaan, das gewissermaßen als Checkpoint des Vipassana Retreats für alle Teilnehmer an einem der ersten Tage vorgesehen war. Ich erzählte ihm von meiner Erfahrung und er gab mir zurück, dass er mich als gut fokussiert und immer wieder gut und schnell zurückkommend erlebte. Ich äußerte, wie ich den ganzen Tag gut meine Aufmerksamkeit halten konnte, auch in den Pausenzeiten.

info_iconAnmerkung: Das entsprach tatsächlich der Wahrheit: Die ersten drei Tage war ich größtenteils wie im Tunnel. Ich hatte nahezu den ganzen Tag eine Achtsamkeit auf den Atem. Wenn ich abdriftete, handelte es sich in der Regel nur um einen Gedanken und ich war sofort wieder beim Atem. Und selbst das Abdriften war kein wirkliches Abdriften, sondern die Gedanken waren zwar da, aber weit entfernt. Alles war viel weiter entfernt als sonst und häufig genug konnte ich entscheiden, ob ich einen Gedanken im Ansatz interessant fand und nachgehen wollte oder nicht (i.d.R. nicht, denn ich wollte mich ja auf den Atem konzentrieren). Das ging sogar so weit, dass ich bei einem Essen bewusst über eine Sache nachdenken wollte, der Atem mir aber den Weg versperrte. Es klappte nicht den Gedanken nachzujagen: der Atem drängte sich in dem Moment einfach zu sehr auf. In diesem Moment musste ich lachen.

Ja, in den Beschreibungen der einzelnen Tage kommen immer wieder meine Gedanken und Wertungen vor. Das mag paradox anmuten. Ich sage nicht, dass ich nicht vereinzelt diese Gedanken und Wertungen hatte. Der Grundzustand war jedoch außergewöhnlich ruhig und fokussiert und gänzlich unterschiedlich von meinem normalen Seinszustand. 

Zurück zum Gespräch mit Adriaan:

Ich gestand ihm, dass ich noch meine Mühe und Not hatte, einen fortwährenden Bewusstseinsstrom aufzubauen. Ich beschrieb diesen als sehr brüchig und dass ich teilweise lange Zeit brauchte, um überhaupt in diesen Zustand zu kommen. Adriaan beruhigte mich und sagte mir, dass das an dieser Stelle vollkommen normal sei. Er beschrieb mir seinen Eindruck, dass ich relativ feinspürig sei und gab mir den Rat hier für einen Ausgleich zu sorgen: Indem ich ausreichend aß und auch mal zügiger laufe, um entsprechend in Bewegung zu kommen. Das Gespräch war auf eine angenehme Art sehr intensiv. Adriaan wirkte grundneutral (im positiven Sinne; man könnte auch sagen „unbefangen“, in keiner Weise voreingestellt), freundlich und offen und ich spürte, dass er ein ehrliches Anliegen hatte, den Menschen in ihrer Praxis zu helfen. Ich fühlte mich durch das Gespräch bekräftigt und hatte gleichzeitig Sorge, dass mir die freundlichen Worte zu Kopf steigen würden. Das taten sie jedoch nicht unmittelbar.

Abendmeditation im Liegen

Vielmehr war meine Praxis im weiteren Verlauf des Tages relativ unverändert und gipfelte in einem schönen Abschluss des Tages:

Aufgrund meiner Rückenschmerzen entschloss ich mich in der letzten Meditation, mich hinzulegen. (ich war wach genug, um nicht sofort einzuschlafen). Es dauerte etwas, aber zum Ende der Meditation war ich wieder vollständig in der Wahrnehmung meines Körpers angekommen und fühlte mich pudelwohl in meinem Sein. Als die Meditationssitzung dann vorbei war und sich alle Richtung Bett bewegten, folgte ich diesem Impuls, nur um dann im nächsten Moment zu merken:

‚Moment mal! Ist es nicht etwas sinnlos diese tolle Erfahrung abzubrechen?‘

Und so legte ich mich wieder hin, verweilte und spürte für einige Minuten weiterhin die unermessliche Schönheit des Seins.

Tag 4

lupe_symbol In diesem
Abschnitt:

  • rasender Atem, Atemlosigkeit
  • Vernachlässigung der Beharrlichkeit in der Praxis
  • Probleme in der Meditation, Gedanken
  • Erschöpfung, Resignation

Der Tag 4 begann mit einer relativ unspektakulären Morgenmeditation, darauf folgte das Frühstück. Ich trank wie tags zuvor meinen Kaffee… und das sollte meines Erachtens nach einer der Faktoren werden, warum der Tag in vielerlei Hinsicht in die Hose ging. Den Tag über raste gefühlt mein Atem, ich war gefühlt ständig außer Atem, zudem kam das Gefühl der Abgehobenheit:

‚Hey, ich bin ja so toll! Ich habs geschafft! Ich bin besser als alle anderen!‘

Ich wollte das nicht denken, aber es kam dennoch immer wieder hoch. Ich versuchte dem entgegenzuwirken, indem ich mich in die Rolle des Wagner in Goethes „Faust“ versetzte. In einer Szene in dem Werk vergleicht Faust den Wagner mit einem Menschen, der nach Schätzen gräbt und sich dann nach dem Fund von Regenwürmern in seinem Erfolg suhlt und auf Wolke 7 schwebt. Das gelang mir jedoch nur spärlich, vielleicht weil ich zu sehr an meine eigene Abgehobenheit glaubte.

In dieser Abgehobenheit vernachlässigte ich meine Alltagspraxis (letztlich auch ein wichtiger Teil von Vipassana!): Ich war nicht mehr so beharrlich, immer wieder zum Atem zurückzukommen, sondern ließ es einfach ein wenig schleifen. Nicht permanent, aber ich glaubte auch, dass ich erschöpft war, Erholung brauchte und mir diese auch verdient hatte. (ich kann nicht 100% sagen, ob ich mir nur einredete erschöpft zu sein) Den achtsamen Spaziergang nach dem Mittagessen lief ich deutlich schneller als gewohnt, den Rat vom Vortage berücksichtigend. Ich glaube, dass mir das in meinem sowieso schon atemlosen Zustand zusätzlich nicht gut tat.

Die Nachlässigkeit und die anderen Faktoren vom Vormittag bekam ich jedenfalls schließlich am Nachmittag und Abend zu spüren. Ich konnte mich beim besten Willen nicht länger auf meinen Atem konzentrieren. Immer wieder brach dieser ab und schließlich fand ich den Zugang zum Atem gar nicht mehr. Eine Anleitung von Adriaan spielte mir diesbezüglich weiter negativ in die Karten. Er sagte, wir sollten nicht denken und uns fragen, ob wir das gerade richtig machen und uns ständig überprüfen. Denn wenn wir das tun, üben wir nicht, sondern denken. Ich nahm an, dass das viele beschäftigte und Adriaan dies deshalb sagte. Ich nahm das Thema jedoch in unachtsamer Weise komplett falsch auf und fing nach dieser Anleitung an genau das zu tun, was Adriaan uns anwies, nicht zu tun: zu denken. Und damit machte ich komplett die Büchse der Pandora auf. Ich dachte nach:

‚Moment mal, denke ich eigentlich gerade nur, dass ich den Atem spüre? Kontrolliere ich den Atem nur und bilde mir ein, ihn natürlich zu spüren?‘

Ich erkannte, dass es sich nur um Gedanken handelte, doch der Zweifel war gesät und meine Praxis ging damit weiter den Bach runter. Ich schwankte zwischen Atemlosigkeit, Verbindungsabbrüchen zum Atem (vergleichbar mit dem Wlan in der deutschen Bahn) und den ständigen Gedanken eigentlich die Praxis gerade vollkommen zu verkacken und Vipassana nicht im Ansatz verstanden zu haben. Ich mühte mich weiter in den Abend, aber hatte fortlaufend mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen, ehe ich mir sagte:

‚Ach, es hat keinen Sinn! Heute ist verkackt!‘

Die letzte Stunde des Abends mit Meditation überlegte ich früher zu Bett zu gehen oder wenigstens den Vortrag mitzunehmen, der immer zur letzten Stunde des Tagesprogrammes stattfand. Ich entschied mich zu bleiben, legte mich aber hin, in dem Wissen, dass ich beim Liegen häufig dösrig werde. Das war mir in dem Moment aber nur Recht, den Tag hatte ich aufgegeben.  Und so schlief ich auch tatsächlich kurz ein. Ich glaube beim Aufwachen machte ich auch ein Geräusch. Ich weiß nicht, ob es darauf bezogen war (ich war eigentlich nicht im Sichtfeld Adriaans), aber Adriaan sagte kurz darauf: es ist auch vollkommen ok, einzuschlafen. Wie dem auch sei, es war mir in dem Moment tatsächlich nicht wichtig. Ich war im Hauch frustriert, mir war aber klar, dass der folgende Tag schon wieder ganz anders aussehen würde. Und mir war auch am gestrigen Tag schon klar, dass auf ein Hoch ein Tief folgen kann und irgendwann auch muss.

Und so ging ich zu Bett und konnte auch ohne Probleme einschlafen.

Tag 5

lupe_symbol In diesem
Abschnitt:

  • Zurück beim Feuermachen
  • Verweilen
  • Zug und Seiltänzer
  • Fragen an Adriaan
  • Rituale, dreifache Zuflucht, Dankbarkeit

Tatsächlich: Der folgende Tag sah schon wieder ganz anders aus.

Die Zweifel an dem Atem waren wie weggeblasen, sie hatten zumindest nicht die Eindringlichkeit wie zuvor. Und ich fing wieder von vorne an. Feuer machen. Es ausgehen sehen. Feuer machen. Es ausgehen sehen. Ich kam zumeist zum Atem und Bewusstseinsstrom, beim Körper verlor ich jedoch den Faden.

Im Ansatz dachte ich mir:

‚Mensch, ich war doch schon weiter.‘

Aber dann dachte ich mir:

‚Mensch, wenn es nicht weiter geht, auch ok! Dann hast du wenigstens eine gute Achtsamkeit auf den Atem gelernt und zumindest im Ansatz schon ein paar interessante Sachen erfahren.‘

Ich wollte natürlich dennoch mehr und daher Adriaan in einem persönlichen Gespräch um Rat fragen. Dazu schrieb ich wie vorgesehen, ein „stille-Post-Zettelchen“ und wartete etwas ungeduldig auf meine Sprechstunde. Ich weiß nicht, ob es daran lag, aber in den vielen Anweisungen zwischendurch hatte Adriaan auch immer wieder betont, dass es nicht darum geht, irgendetwas zu erreichen, sondern dass es darum geht, einfach zu verweilen. Die Dinge irgendwo geschehen lassen.  Das hat dann sicher irgendwann auch bei mir gefruchtet. Denn ich entschloss:

‚Ja, mein Gott, du musst es jetzt auch nicht übertreiben.‘

Mit anderen Worten: Ich entspannte mich etwas. Und siehe da, ich verweilte plötzlich im Atem, im Körper. Es war plötzlich natürlich da. Und es war herrlich. Eine so lang andauernde Phase des Verweilens hatte ich zuvor noch nicht. Ich war präsent im Atem und musste mich dafür nicht anstrengen. Der Atem war einfach da und selbst wenn mein Fokus zwischenzeitlich weg war, lief der Atem im Hintergrund einfach weiter. Und ich konnte irgendwann einfach wieder aufspringen. (natürlich konnte ich es nicht übertreiben… wenn ich zu lange weg war, musste ich wieder anfangen… aber das Feuer ließ sich nun viel schneller wieder entzünden).

Zug und Seiltänzer

Zu diesem Fortschritt kamen mir zwei Bilder auf, die das vielleicht beschreiben könnten:

Während es zuvor ein mühevolles, langes Aufbauen eines fragilen Zustandes war, war es nun so als, würde ich an einem Bahnhof stehen und auf einen Zug warten. Dieser Zug kam alle paar Sekunden und fuhr immer in die gleiche Richtung. Und so konnte ich mühelos auf diesen Zug aufspringen… und selbst wenn ich einmal von diesem Zug runterfallen sollte, landete ich automatisch wieder an dem Bahnhof und konnte auf den nächsten Zug aufspringen. So erging es mir mit dem Atem und dem Bewusstseinsstrom.

Analog dazu kam mir das Bild eines Seiltänzers in den Kopf. Ein Seiltänzer, der um sein Gleichgewicht ringend, nach ein paar Schritten immer wieder runtergefallen ist und mühevoll wieder hochklettern musste. Und nun ein Seiltänzer, der zwar ab und zu das Gleichgewicht verliert, aber nie runterfällt und so auf dem Seil bleibt und nicht mehr mühevoll hochklettern muss.

Fragen über Fragen

Und so war ich plötzlich wieder auf einem sehr interessanten Weg. Mein schließlich stattfindendes Gespräch mit Adriaan war von diesen Erfahrungen geprägt. Der eigentliche Gesprächsanlass war irgendwo entfallen. Aber ich hatte viele andere Fragezeichen:

Fragen Antworten
Ist es eine normale Entwicklung, dass im Hintergrund der Atem weiterläuft? Ja, ist es!
Ist es normal, dass man seinen Körper im Fühlen anders im Raum sitzen wahrnimmt, als es tatsächlich ist, wenn man die Augen öffnet? Ja, gerade am Anfang ist die Spürwahrnehmung noch nicht ausgereift und präzisiert sich weiter, bis dann Spürwahrnehmung vom Körper und der tatsächliche Körper übereinander liegen.
Ist es normal, dass es manchmal echt schwer ist, in den Bewusstseinsstrom zu kommen?

Ja, es ist ein Prozess und gerade am Anfang braucht es Zeit.

Wenn ich den Atem spüre und einen Bewusstseinsstrom habe, möchte ich einfach verweilen und beim Atem bleiben und nicht auf Zwang meinen Körper erkunden. Ist das ok? Ja, das ist ein gutes Zeichen, wenn du verweilen möchtest! Du musst nicht auf Zwang den Körper erkunden. Schau einfach, was von sich aus kommt…. Hier ein Zwicken, da ein Druck. Erkunde das, was aufkommt.
Muss ich Empfindungen und Stimmungen lokalisieren können im Körper? Nein, musst du nicht unbedingt. Vielleicht spürst du aber bei einer Empfindung bspw. einen Druck in der Brust.

Insgesamt gab mir Adriaan zu verstehen, dass sich alles gut anhört und ich mich auf einem guten Weg befinde. Ich fühlte mich unglaublich dankbar und drückte aus, wie sehr ich glaube, dass dieses Retreat mich in meinem Meditationsweg voranbringen könnte und wahrscheinlich wird.

Rituale

Später am Tag führte uns Adriaan zum ersten Mal in Rituale ein. Er sagte, dass er diese bis dato bewusst weggelassen hatte, es aber ein wichtiges gebe, das in vielen buddhistischen Klöstern praktiziert werde: Die dreifache Zuflucht. In dieser dreifachen Zuflucht nimmt man Zuflucht:

  1. Zur Buddhanatur
  2. Zum Dharma (die Lehre)
  3. Zur Sangha (die Gemeinschaft)

Bei der Buddhanatur geht es um die uns alle innewohnende Natur, zu der wir Aufwachen können und der ich meinem Verständnis nach, beim Verweilen nahe bin. Bei der Lehre ging es in unserem Fall hauptsächlich um das Satipattana Sutra, welches wir mit großer Anstrengung geübt haben. Bei der Gemeinschaft ging es zu guter Letzt um alle Anwesenden, mit denen wir zusammen diese Lehre geübt haben, um alle, die vor uns bereits das Retreat absolviert haben und letztlich um alle, die auf der gesamten Welt nach der Lehre Buddhas üben.

Adriaan beschrieb diese drei Dinge als Geschenke und genau so empfand ich sie auch: als unglaublich kostbare, schöne Geschenke und ich war in Dankbarkeit tief gerührt und bewegt. Mir kamen vor Rührung die Tränen und ich tropfte still meine Yogamatte voll (sorry, Adriaan und Kati!). Für all diese Dinge war ich tief dankbar: Das eigene Sein oder die eigene Natur so empfinden zu können dank der Anleitung von Buddha mit Hilfe von Menschen, die mit einem dieses doch insgesamt anstrengende Programm durchzogen… war das kein Grund zur Freude und Dankbarkeit?

Am Abend dann die Ernüchterung und die Info: Unser Vipassana Retreat müsste vorzeitig enden, da die Bundesregierung neue Corona Regelungen beschlossen hatte, die ein Fortsetzen unseres Retreats bis zum Ende unmöglich machten. Aus noch fünf verbliebenen restlichen Tagen waren auf einmal nur noch zwei geworden.