Es sollte heute ein ganz normaler Tag werden. Ich hatte ihn bereits gestern lose geplant und wollte heute an dieser Planung anknüpfen. Doch als ich aufwachte, spürte ich mich nicht zentriert- geerdet- nicht im Tao. (die Ausdrücke lassen sich hier beliebig austauschen) Ich fühlte mich eher unruhig und hätte ich kein aktuelles Buch zur Hand, so wäre ich ratlos gewesen, was ich tun sollte. Nicht aus dem Grunde, dass ich keine Beschäftigung wüsste- nein, vielmehr weil ich nicht wusste, welche Beschäftigung mich wieder „erden“ würde und meine latente Unruhe ausgleichen würde.

Und so griff ich nach dem Buch und versuchte mich in seinen Inhalt zu vertiefen. Es gelang mir schwerlich und mir war bewusst, dass ich mein Problem der Unruhe nur vertagte und nach der Lektüre diese Unruhe mindestens genauso präsent wäre. Und so ergriff mich eine Idee- die Idee einmal wieder in die Kirche zu gehen. Erst sträubte ich mich, mein wohlbehütetes Bett zu verlassen und eine mir bis auf Weihnachten vollkommen fremde Institution aufzusuchen. Aber dennoch- ich wusste, ich brauchte etwas, um meine Unruhe zu zähmen und ich wusste genauso, dass ich in dieser Unruhe unmöglich meditieren könnte. Und so geschah es- ich ging in die Kirche.



Vergänglichkeit am Totensonntag

Wer hätte gedacht, dass gerade an diesem Tage, Totensonntag sein sollte? Und so wurde mir ein Thema vor Augen geführt, was mich die letzte Zeit immer stark begleitete: Vergänglichkeit.

Kerzen in der Kirche
Kerzen in der Kirche

Es wurden die Namen derer verlesen, die im laufenden Kirchenjahr verstorben waren und Angehörige, Freunde oder Bekannte durften im Gedenken an diese Personen Kerzen anzünden. Eine Zeremonie, die ich zum ersten Mal erlebte und mich Tränen fließen ließ.

Eine Lehrerin, die mit Mitte 40 verstarb und deren Spitzname genannt wurde, den Ihre Schüler Ihr liebevoll gegeben hatten. Ein Mann Anfang 40, der ebenso wie die Lehrerin mit seinem frühen Tod unter allen Ü70 Jährigen herausstach. Und ein junges Mädchen, ein Baby, das nach drei Tagen verstarb. Die Eltern zündeten eine Kerze für sie an. Welche Qualen müssen diese durchlitten haben? Die so schnelle vergangene Freude über das gewonnene Familienglück und eine innerhalb von drei Tagen vergangene Tochter.

In diesen Momenten empfand ich eine unglaubliche Traurigkeit. Das, was war oder eher- das, was jemand gewesen ist- für immer verloren. Zurück bleiben Freunde, Tochter, Sohn, Schwester, Bruder und das einzige woran sie sich klammern können, nachdem eine Leerstelle entstanden ist und das gewesene sich als gewesen und nicht wiederholbar, korrigierbar oder anderweitig erneut erlebbar manifestiert, sind Erinnerungen. Erinnerungen, die uns unsere Vergänglichkeit vor Augen führen– und uns diese ins Gesicht schlägt. Schonungslos, brutal und doch ohne Wertung.

Warum sind wir so verletzlich? Ich gebe zu, dass ich hier gegebenenfalls zu sensibel bin. Und doch sah ich viele Menschen mit vertränten Augen, traurige Menschen. So seltsam es jedoch klingen mag… diese Traurigkeit machte mich lebendig. Plötzlich war die eigene Vergänglichkeit wieder präsent. Nicht in dem Sinne: Wir müssen alle mal sterben, aber das dauert ja noch.


Nein, in dem Sinne, dass das Leben endlich ist und wir ebenso vergangen sein werden- und das endgültig. Ist diese Vergänglichkeit nicht etwas, das wir tagtäglich wahrnehmen sollten?



Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit

Kästchen für die Vergänglichkeit
Kästchen- 1 für jede Woche

Ich versuche selbst, mich täglich an diese Vergänglichkeit zu erinnern. Ich habe einen Ausdruck an meine Wand aus 3120 symmetrisch angeordneten Kästchen aufgehangen (ein Kästchen für jede Woche)- ein Symbol für die Vergänglichkeit unseres Lebens. Und doch wird mir die Bedeutung dieses Ausdruckes zu selten bewusst- Vergänglichkeit ist kein Wort, sie ist nicht greifbar und ergibt nur Sinn in der Betrachtung von mehreren Zeitpunkten- da mehrere Zeitpunkte jedoch nicht gleichzeitig erlebbar sind, ist die Vergänglichkeit nicht spürbar. Doch sie ist da (im buddhistischen Sinne vielleicht nicht in dieser Form) und der größte Irrtum ist vielleicht, dass wir sie nur bei Todesfällen bemerken. Nein, jeder Moment ist vergänglich und vergangen und wir merken es nicht.

In dem Trubel des Alltags sehnen wir uns sogar nach einem vergangenen Moment….
…wie schön wäre es, wenn dieser Termin schon vorbei wäre…
…wie schön wäre es, wenn der Tag schon vorbei wäre…

Und in all dieser Sehnsucht bemerken wir nicht, wie viele Momente uns entgleiten, auf dem Weg zu dem Wunschmoment, der in einem Augenblick genauso schnell vergangen sein wird.


Ist das nicht höchst paradox? Eigentlich sollten wir im Moment leben- es wäre sogar in dem erwähnten Beispiel mit der Sehnsucht nach dem Wunschmoment nur konsequent- wie sollten wir ansonsten bemerken, dass wir uns im aktuellen Moment befinden? Wenn wir das Ganze weiterspinnen und nicht nur in Wunschmomenten präsent sind, sondern immer, so ergibt sich nicht die Möglichkeit einer Vergänglichkeit- weil die logische Verknüpfung von Momenten natürlich schlüssig ist, aber nicht richtig.

Ich hoffe, werter Leser, dass du mir so weit folgen konntest. Den Diskurs zur Vergänglichkeit, gerade mit buddhistischem Gedankengut führe ich im zweiten Teil dieses Artikels fort. Lass mich gerne deine Gedanken zu meinen Ausführungen hören.