Passivität und Achtsamkeit – zwei Seiten einer Medaille

Passivität stellt für mich das Gegenstück zur Achtsamkeit dar. Während es bei der Achtsamkeit um das bewusste, urteilsfreie Wahrnehmen geht, geht es bei der Passivität um das Gegenteil: das Abschalten aktiver, reflektierender Wahrnehmung und einem daraus resultierenden reaktiven Handeln.

Passivität in der U-Bahn; unachtsame Menschen
Passivität im Alltag

Warum ich das Thema als relevant erachte? Weil Passivität sich mittlerweile durch die gesamte Gesellschaft zieht. Ein Beispiel hierfür: unsere exzessive Smartphonenutzung.

Kaum ein Mensch betritt eine U-Bahn oder einen Bus, ohne kurz darauf sein Handy zu zücken und sich in diesem zu verlieren. Statt (achtsam) wahrzunehmen, wie sich der eigene Körper anfühlt oder welche Gedanken aufkommen, wird sich mit banalen Tätigkeiten beschäftigt, ohne jegliches aktive Zutun. Sicherlich könnte man argumentieren, dass man sich nach einem stressigen Arbeitstag nicht noch in Disziplin üben möchte und auf den Griff zum Handy verzichten möchte. Aber die Frage ist ja:

Fühlen wir uns nach dem Griff zum Handy besser oder schlechter? Und falls kurzfristig besser: wie fühlen wir uns langfristig? Wie entwickeln sich unsere allgemeinen Fähigkeiten, bspw. sich zu konzentrieren oder achtsam zu sein?

Meine eigene Erfahrung ist, dass je häufiger ich zum Handy greife, desto stärker meine Aufmerksamkeits- und Aufnahmefähigkeit leiden. Mein Kopf fühlt sich voll an und gleichzeitig fühle ich mich geistig ermattet. Und meine These ist, dass sich dieses Gefühl auch auf viele andere Menschen übertragen lässt.

Aber auch abseits des Smartphonegebrauchs erkenne ich für mich eine stark verbreitete Passivität. Begegnet man einem Fremden auf der Straße, so nimmt dieser in vielen Fällen keine Notiz von seinem Gegenüber. Und vermeidet in der Vielzahl der Fälle direkten Augenkontakt. Oder Aufmerksamkeiten, die man anderen Menschen im Alltag zukommen lässt, werden ignoriert: Sei es, dass man für andere Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln Platz macht oder jemanden anlächelt oder zunickt.

Sicherlich handelt es sich hierbei um Banalitäten- dennoch finde ich es immer wieder erschreckend, wie wenig Menschen gegenseitig aufeinander achten und achtsam sind- und wie häufig Passivität vorherrscht.



Woher kommt diese Passivität?

Technologie als Grund für Unachtsamkeit
Technologie als Grund für Unachtsamkeit

Ein Grund ist sicherlich die Technologisierung unserer Gesellschaft. In immer mehr Lebensbereiche drängt mittlerweile die Technologie und sorgt für den Rückgang menschlicher Interaktion:

  • Im Dating wird auf Apps zurückgegriffen: das flirtende Gespräch, wo über Augenkontakt Spannung und Anziehung aufgebaut wird, findet immer seltener statt. Stattdessen bekundet die Swipe-Bewegung eines Fingers Interesse
  • Für Interaktionen unter Freunden wird häufig auf die schnelle, aber unpersönliche Textnachricht zurückgegriffen, statt diejenige Person anzurufen
  • Auf Reisen muss man sich weniger öffnen: Apps zeigen einem die besten Restaurants und andere Lokalitäten an, nach dem Weg muss man sich nicht erkundigen und Fotos kann man per Selfiestick auch selbst von sich machen

All die oben genannten Beispiele haben selbstverständlich auch Ihre positiven Seiten- dennoch verleitet sie meiner Meinung nach das Gros der Menschen zu Passivität. Man muss weniger dafür tun, um etwas bestimmtes zu bekommen und kann viele Tätigkeiten halb-passiv, halb aktiv und nicht wirklich achtsam durchführen. Sei es eine Textnachricht zu schreiben, während man Auto fährt (schon oft genug gesehen!) oder zu Tindern während man zu Mittag isst.

Gerade letzteres Beispiel stelle ich mir in persönlichem Flirten mit vollem Mund schwierig vor.

Abseits der Technologisierung sehe ich die Entwicklung unseres Wirtschaftsmodells als zweiten wichtigen Grund für die zunehmende Passivität- und abnehmende Achtsamkeit. Denn der globale Konkurrenzdruck, gepaart mit der inhärenten Notwendigkeit unseres Wirtschaftsmodells, Wachstum zu generieren, führt unweigerlich zu mehr Druck für jeden einzelnen Menschen. Die Arbeitsbelastung oder zumindest die Empfindung der Arbeitsbelastung nimmt seit Jahren zu, ebenso die Anzahl der psychischen Erkrankungen.

Ein Ventil hierfür kann sicherlich das „Abschalten“ sein. Sich passiv abends auf die Couch zu werfen und den Fernseher oder Netflix laufen zu lassen, ist einfacher, als sich achtsam mit seinen Empfindungen auseinander zu setzen. Dabei führt genau dieses Abschalten zumindest bei mir zu noch größerer Erschöpfung. Eine achtsame Meditation, wenn auch zunächst anstrengender, führt zu wesentlich besserer Entspannung.



Wie kann man Passivität bestmöglich vorbeugen und vermeiden?

Sehr gut helfen naturgemäß Achtsamkeitsübungen, die ich in folgenden Beiträgen beschrieben habe:

Handy- und Smartphonesucht: Sind wir alle abhängig? | Teil I

Meditation im Alltag: Achtsamkeit Teil II, Übungen

Grundsätzlich muss Achtsamkeit, wie so vieles, trainiert werden. Am einfachsten geschieht dies, wenn man aus der Achtsamkeit eine Gewohnheit macht.

Bsp.: Nachdem Aufwachen schaue ich nicht zuerst auf das Handy, sondern nehme zunächst bewusst (und achtsam )drei Atemzüge.

Hat sich diese Gewohnheit erst einmal verfestigt, so baue ich mir eine neue Gewohnheit auf.

Bsp.: Immer wenn ich irgendwo warten muss, lasse ich das Handy in der Tasche und nehme drei tiefe Atemzüge.

Und nach diesem Schema lässt sich die Passivität immer mehr verdrängen und weicht hoffentlich zunehmend der Achtsamkeit. Eine vollständige Achtsamkeit lässt sich sicherlich nicht erzielen. Aber vielleicht schafft man es ja, etwas weniger passiv zu sein. Und geht es nach dem Buddhismus, so kommt jede Meditation und jeder achtsame Moment allen Menschen auf der Welt zugute.

Wenn das kein Grund ist, weniger passiv und häufiger achtsam zu sein?

In Liebe,

euer Steffen

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